Hamsterkäufe und Evakuierungspläne: Die Ukrainer bereiten sich auf den Ernstfall am AKW Saporischsch
- tim-news

- 6. Juli 2023
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Saporischschja – vor wenigen Monaten kannte wohl kaum jemand außerhalb der Ukraine den Namen von Europas größtem Atomkraftwerk. Doch seit Russlands Angriffskrieg wird die Lage dort immer gefährlicher: Moskau und Kiew bezichtigen einander eines angeblich unmittelbar bevorstehenden Anschlags auf den Meiler im Süden des Landes. Am Dienstagabend warnte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner täglichen Videoansprache, dass das russische Militär auf den Dächern mehrerer Reaktorblöcke Gegenstände platziert habe, die Sprengstoff ähnelten. Aus Moskau hieß es dagegen, die ukrainischen Streitkräfte planten selbst einen Angriff auf das AKW, das nahe der Front liegt. Je nach Strahlungsintensität im Falle einer Sprengung hätte das schreckliche Folgen für die Bevölkerung vor Ort. In der Region soll es bereits zu Hamsterkäufen kommen, zudem proben Sicherheitskräfte, Sanitäter und Polizei eine Evakuierung für den Ernstfall. Hinzu kommt: Nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) hat das umkämpfte AKW den Anschluss an seine externe Hauptstromleitung verloren. Das Kraftwerk sei daher auf die erst kürzlich wiederhergestellte Ersatzversorgung durch eine weniger leistungsstarke Leitung angewiesen, erklärte IAEA-Chef Rafael Grossi am Dienstagabend in Wien. „Es war nicht sofort bekannt, was den Stromausfall verursacht hat und wie lange er dauert“, sagte der Experte weiter. „Diesmal konnte das Kraftwerk einen völligen Ausfall der gesamten externen Stromversorgung vermeiden – was bereits sieben Mal während des Konflikts vorgekommen war –, aber die jüngste Stromleitungsunterbrechung verdeutlicht erneut die prekäre nukleare Sicherheitslage im Kraftwerk“, sagte Grossi. „Auch wenn es sich nicht um einen direkten Angriff auf die Anlage handelt, ist die Gefahr eines Unfalls aufgrund von Strom- oder Wasserausfall oder menschlichem Versagen sehr groß“, sagt Darya Dolzikova, Expertin für Massenvernichtungswaffen am britischen Forschungsinstitut Royal United Services Institute (RUSI). „Aber es gibt auch viel Spielraum für Russland, einige dieser Schwachstellen auszunutzen, wenn es einen Zwischenfall verursachen wollte“, sagt die Expertin im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Das mit einer Bruttoleistung von 6000 Megawatt leistungsstärkste europäische Atomkraftwerk steht seit Anfang März 2022 unter russischer Kontrolle. Ende Juni erklärte der ukrainische Geheimdienstchef Kyrylo Budanov, die Besatzer hätten zudem die Gebäude sowie den Teich mit dem Kühlwasser vermint. Ein Team der IAEA, das dauerhaft in dem AKW stationiert ist, hatte Anfang Juli mitgeteilt, bei den Untersuchungen vor Ort keine Anzeichen für eine Verminung gefunden zu haben. Teile der Turbinenhallen und des Kühlsystems müssten noch inspiziert werden, hieß es in dem IAEA-Bericht. Dabei haben die Reaktoren nur noch eine Temperatur von unter 95 Grad, sodass kein Kühlwasser verdunstet. Wenn in diesem Fall die Kühlwasserpumpen ausfallen, bleibt nach Ansicht von Experten nur noch ein Tag, um eine Katastrophe zu verhindern. Nach Angaben des Beraters des Präsidentenbüros, Mychajlo Podoljak, würde IAEA-Chef Grossi das „Schlüsselrisiko“ nicht ausreichend managen. Die IAEA habe „klare Einflusshebel“ auf Russland, sagte Podoljak in der Nacht zum Mittwoch im ukrainischen Nachrichtenfernsehen. Druck auf den staatlichen Atomkonzern Rosatom hätte einen Abzug der Russen und eine Minenräumung erzwingen können, argumentierte er. Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Oleksii Makeiev, sagte im Interview mit dem Sender „Welt“, dass sein Land „sehr intensiv“ mit der Bundesregierung in Kontakt sei, um eine „nukleare Katastrophe“ am ukrainischen AKW Saporischschja zu verhindern. Trotzdem warnt die Wissenschaftlerin Dolzikova vor Panik: „Es ist sehr wichtig zu betonen, dass ein Zwischenfall im AKW von Saporischschja nicht mit dem Einsatz einer Atomwaffe gleichzusetzen wäre. Selbst ein Volltreffer auf einen Reaktor würde keine nukleare Explosion auslösen, wie sie bei der Detonation einer Kernwaffe zu erwarten wäre.“

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