„Kann mich erinnern, dass Musk mich mitten in der Nacht anrief und anschrie“
- tim-news

- 21. Nov. 2022
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Die Energiekrise, der USA-China-Konflikt und der Klimaschutz seien eine Bewährungsprobe, sagte er in einem Podcast. Es ist ruhiger geworden um Joe Kaeser, seit er nicht mehr den Vorstand von Siemens leitet. Noch immer gehört Kaeser zu den einflussreichsten deutschen Managern und leitet unter anderem die Aufsichtsräte von Daimler Trucks und Siemens Energy. Nun hat sich der Ex-Siemens-Chef zu Wort gemeldet und sich sehr beunruhigt über den Zustand Deutschlands geäußert. „Das Risiko, dass Deutschland dadurch deindustrialisiert wird oder die Deindustrialisierung noch schneller fortschreitet als sie ohnehin schon passiert, ist viel, viel höher als dass wir hier einen nennenswerten Einsatz fürs Klima haben“, sagte Kaeser im „OMR“-Podcast mit Philipp Westermeyer. Der Manager betonte, das Klimaproblem müsse weltweit gelöst werden, allerdings könne Deutschland dazu nur wenig beitragen, indem es seinen CO₂-Ausstoß von derzeit zwei auf ein Prozent der weltweiten Emissionen reduziere. „Wir müssen in einem vergleichsweise kleinen Land, das nur etwa zwei Prozent beiträgt, über die Innovation auf diesem Gebiet Lösungen bauen, die wir dann in Deutschland ausprobieren, die klimafreundlich sind, die CO₂ einsparen und dann in die Welt exportieren“, sagte Kaeser. Noch als Siemens-Chef hatte Kaeser mit einer Umarmungsstrategie versucht, die Aktivisten von „Fridays for Future“ für sich zu gewinnen, indem er der Aktivistin Luisa Neubauer einen Sitz in einem Aufsichtsgremium von Siemens Energy angeboten hatte. „Ich finde das gut und richtig, dass die Jugend auf die Straße geht und sich einsetzt, weil es ihr Leben ist, ihre Zukunft, ihre Generation und die Generationen danach“, sagte er. „Ich sagte zu ihr: Schau, ich finde das toll, was ihr macht, aber wisst ihr, wenn man eine Diagnose hundert Mal gestellt hat, und es kommt immer das Gleiche raus, nämlich das Klimaproblem, ist es nicht hilfreich noch hundert Mal die gleiche Diagnose zu stellen“, so Kaeser. Man müsse stattdessen an der „Therapie“ mitarbeiten, das habe er ihr angeboten und sei überrascht gewesen, dass sie nicht gleich abgesagt habe. Kaeser sieht die deutsche Wirtschaft aber nicht nur wegen der Klimaschutzbemühungen unter Druck, vor allem die Energiepolitik und der Wettbewerb der Systeme zwischen den USA und China bedrohe das deutsche Geschäftsmodell. Man müsse sich überlegen, was die Quellen des deutschen Wohlstands gewesen seien, es werde dem Land nicht gelingen, sich aus Abhängigkeiten wie der von Russland und China vollständig zu befreien. „Insofern müssen wir umsichtig, langfristig orientiert die Wertschöpfungsketten so gestalten, dass es gegenseitige Abhängigkeiten gibt, dass keiner der Partner es sich erlauben kann, dem anderen Schaden zuzufügen, ohne dass er das selbst nicht auch spürt“, sagte Kaeser. „Ich sage nicht, dass das leicht wird, aber das ist jetzt die Aufgabe, die wir als Land haben.“ Kaeser selbst stand in seiner Zeit als Siemens-Chef regelmäßig in der Kritik, weil er auch mit zweifelhaften Regimen wie dem in Saudi-Arabien, in Russland oder China Geschäfte machte. „Der unselige Besuch damals beim russischen Präsidenten gleich nach der Annexion der Krim, da kann man schon auch echte Fehler machen“, räumte Kaeser nun ein. „Das ist ein ständiges Spießrutenlaufen, weil die meisten Menschen, mit denen Sie da zu tun haben, nicht nach westlichen Demokratiemustern ihr Land regieren“, beschrieb Kaeser nun den Umgang mit Staats- und Regierungschefs. Er mache sich vor allem Sorgen um kleine und mittelgroße Unternehmen, die großen Konzerne könnten sich auch in einer Welt erfolgreich aufstellen, in der sich China und die USA immer stärker voneinander abkoppeln. Von deutschen Politikern forderte der Ex-Siemens-Chef, weniger auf Umfragen und Beliebtheitsrankings zu schauen. „Ich gebe zu, das ist schwierig, aber so wie unser Land im Augenblick unterwegs ist, dass wir in jeder Krise, jeder kleinsten Krise sagen: Jetzt müssen wir wieder helfen und noch mehr Sozialstaat und noch weniger Eigenverantwortung, das geht auf Dauer schief“, sagte Kaeser. Der Ruf nach dem Staat sei in vielen Fällen berechtigt, aber nicht immer das probate Mittel. „Wir haben alles, was es braucht, damit wir uns jetzt noch erfolgreich für die kommenden zehn Jahre etablieren“, sagte Kaeser. Kaeser äußerte sich in dem Interview auch zur Diskussion um die Twitter-Übernahme durch den Tesla-Chef Elon Musk. Kennengelernt habe man sich vor Jahren, als Musk nach einer Automatisierungslösung für sein erstes Tesla-Werk in den USA gesucht habe. „Elon Musk ist eine unglaublich interessante Persönlichkeit, weil es bei ihm eine Trennlinie gibt: Oberhalb der Trennlinie ist Genie und unterhalb der Trennlinie ist Chaos oder etwas Negatives“, beschreibt Kaeser den Tesla- und Twitter-Chef. Er bewundere jedoch an Musk, dass dieser noch immer bereit sei, alles auf eine Karte zu setzen. „Elon Musk gewinnt seine Spiele immer 8:6 und nie 1:0“, sagte Kaeser. „Weil er eben auch sehr viele Dinge macht, bei denen man sagt: Versteht kein Mensch.“ Allerdings ist das Urteil des Ex-Siemens-Chefs über Musks derzeitiges Verhalten bei Twitter klar: „Aktuell ist er unter dieser Trennlinie.“

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