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Prigoschins russisches Roulette

Es war wohl kein Zufall, dass die Ukraine am Samstagnachmittag eine Mitteilung über Geländegewinne im Donbass nachholte. Wahrscheinlich ist es das erste Mal in diesem Krieg, dass die Ukraine Land zurückholt, das Moskaus Truppen schon im Jahr 2014 besetzten. Das galt an diesem Samstag auch für die anderen Ereignisse in Zusammenhang mit dem Krieg.Am Samstagnachmittag näherten sich Berichten zufolge bis zu 5000 Kämpfer der Söldnereinheit Wagner der russischen Hauptstadt Moskau. Das Ziel der Truppe, so zumindest hatte es ihr Chef Jewgeni Prigoschin am Freitagabend formuliert: die Absetzung und Bestrafung der Spitze der russischen Armeeführung, des Verteidigungsministers Sergej Schoigu und des russischen Generalstabschefs Waleri Gerassimow. Wagner-Aufstand beendet Prigoschin und seine Söldner verlassen Rostow – Strafverfahren eingestellt Dass Prigoschin seine Truppen am Samstagabend kurz vor Moskau zurückpfeifen würde, war da noch nicht abzusehen. Mancher Beobachter hatte schon Putins letztes (politisches) Stündlein eingeläutet – gestürzt durch den Putsch Prigoschins. Es war ein Tag, der seine Schatten bis weit in die nächsten Kriegsmonate werfen könnte. Denn auf dem Weg der Söldner nach Moskau war für putinsche Verhältnisse schier Unvorstellbares passiert. Dieses vom Pressedienst von Jewgeni Prigoschin zur Verfügung gestellte Videostandbild zeigt den Wagner-Chef bei einer Videoansprache. Dieses vom Pressedienst von Jewgeni Prigoschin zur Verfügung gestellte Videostandbild zeigt den Wagner-Chef bei einer Videoansprache. © dpa/Uncredited Der Wagner-Chef hatte zuvor die Gründe für die Ukraine-Invasion als „Lüge“ bezeichnet, und war Putin – das erste Mal – persönlich angegangen. Dass die Söldner auf ihrem Weg nach Moskau zahlreiche russische Helikopter und sogar ein Kampfflugzeug abgeschossen hatten und mehr als ein Dutzend Soldaten töteten, aber ansonsten von den Sicherheitsorganen ziemlich unbehelligt einige hundert Kilometer mit Panzern und Luftabwehrgeschützen zurückgelegten, ließ die politische und militärische Führung in Moskau nicht besser aussehen. © dpa/- Nachdem der russische Präsident im Fernsehen den Söldnern Hochverrat vorgeworfen und von einer „bewaffneten Rebellion“ gesprochen hatte, kündigte er an, dass die Köpfe des Aufstandes „zur Verantwortung gezogen würden vor Gesetz und Volk“. Zuvor bezeichnete Putin den Vormarsch der Wagner-Kämpfer als „Dolchstoß in den Rücken“, als „Verrat“ an Russland. Nachdem Prigoschin seine Söldner zurückbeordert hatte, verkündete der Kreml, dass sowohl das Verfahren gegen Prigoschin eingestellt werde als auch die an der Aktion beteiligten Wagner-Kämpfer straffrei bleiben würden. Ein Deal, den wohl der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko eingefädelt hatte. Putin und Prigoschin – zwei Männer, die in ihrem Handeln nur dem Gesetz der Stärke und der Gewalt verpflichtet sind –, sahen plötzlich ganz schwach aus. Putins Plan, Kiew in wenigen Tagen einzunehmen und Teile des untergegangenen großrussischen Reiches wiederherzustellen, mündete am Samstag also darin, dass russische Söldner-Kolonnen den Sturm auf Moskau wagten oder zumindest andeuteten und die Ukraine seit fast zehn Jahren besetztes Gebiet zurückeroberte. Prigoschin hatte Erfolg auf dem Schlachtfeld, das machte ihn wertvoll Wohl, weil die Söldnertruppe schaffte, was der regulären russischen Armee nicht mehr gelang: Sie konnte Erfolge auf dem Schlachtfeld vorweisen. Verluste, die die reguläre russische Armee nach den verheerenden ersten Monaten der Offensive offensichtlich nicht mehr bereit ist, hinzunehmen. Der Ausweg für die Armeeführung aus Schoigu und Gerassimow in Moskau: Wir stellen Wagner und die zahlreichen anderen auf dem Schlachtfeld operierenden Söldnertruppen unter unser Kommando. So wäre die russische Armee mit einem Schlag um einige zehntausend Mann angewachsen und – so zynisch muss es gesagt werden – ein neues Reservoir für Kanonenfutter gefunden. Der Schritt hätte zu einer Entmachtung Prigoschins geführt und ihn angreifbar für seine Feinde im Verteidigungsministerium gemacht – Prigoschin hatte über Monate immer wieder die Inkompetenz der Militärführung angeprangert. Der Wagner-Chef, früher der Caterer Putins, ging in die Vorwärtsverteidigung. Für die Ukraine ist der russische Chaos-Samstag eine gute Nachricht. Putin ist geschwächt und bisher ist alles andere als klar, dass die neue Wagner-Führung – nun wohl doch das Verteidigungsministerium – vorherige Erfolge auf dem Schlachtfeld wiederholen kann. Auch in der regulären Armee muss der Aufstand bei vielen Soldaten einen faden Beigeschmack und Verunsicherung hinterlassen. Söldner-Vormarsch auf Moskau Welche Folgen hat der Wagner-Aufstand für den Kreml-Herrscher? Eine Chronologie der Ereignisse Wie kam es zu dem bewaffneten Wagner-Aufstand? Dass Prigoschin in Russland noch einmal eine Rolle spielt, ist schwer vorstellbar. Als der Wagner-Chef in der Nacht zu Sonntag sein Quartier in Rostow am Don verließ, um in Richtung Belarus aufzubrechen, wurde er von umstehenden Zivilisten bejubelt.


 
 
 

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