Putins Protest-Touristen
- tim-news

- 8. Mai 2023
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An einem Zaun daneben hängt ein Banner mit der ukrainischen Flagge und in englischer Sprache der Spruch: "Erdogan, das Erdbeben ist eine große Rache für die russischen Touristen! Alanya als nächstes!" Alanya ist ein bei russischen Touristen beliebter Urlaubsort in der Türkei.Die Fotos sollen in Paris gemacht worden sein und angeblich ukrainische Aktivisten zeigen: Am 05. Andere Aufnahmen zeigen, wie angeblich an anderer Stelle in Paris die Kopie einer türkischen Flagge verbrannt wird. Außerdem gibt es Fotos von Graffitis mit Slogans wie "Stop Erdogan", "Alanya Next" oder "Stop Islam".In Papieren, die WDR, NDR und "Süddeutsche Zeitung" mit internationalen Medienpartnern auswerten konnten, wird beschrieben, wie eine solche Fake-Aktion ablaufen soll. Die Papiere wurden dem Londoner "Dossier Center" zugespielt, einem vom Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski finanzierten Recherchezentrum.Erdogan provozierenDie Strategiepapiere sollen aus dem russischen Sicherheitsapparat stammen und in diesem Jahr verfasst worden sein. Darin heißt es, fünf maskierte Menschen sollten an solchen Provokationen teilnehmen, Videoaufnahmen davon an türkische Medien verschicken und in sozialen Netzwerken verbreiten. Auch "zugängliche Städte" werden aufgelistet, in denen solche Aktionen den gewünschten Effekt erzielen könnten: Paris, Den Haag, Brüssel, Frankfurt am Main.Es wirkt wie das Drehbuch für eine Operation, bei der es augenscheinlich darum geht, Konflikte und Streit innerhalb der NATO zu anzuheizen. Die Vorgehensweise wird in der europäischen Sicherheitscommunity mit großer Sorge beobachtet. Ziel der vermeintlich anti-türkischen oder anti-muslimischen Proteste durch angebliche Ukrainer ist es offenbar, den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan dazu zu bringen, die Unterstützung für die Ukraine zurückzufahren und den angestrebten NATO-Beitritt Schwedens zu verhindern.In den Papieren werden konkrete Themen benannt. So sollten angebliche Ukrainer provokative Reaktionen auf das Erdbeben in der Türkei zeigen. Eine Frau geht in Belgrad an einem Graffiti vorbei, das den russischen Präsidenten Wladimir Putin neben den Farben der serbischen Flagge zeigt. Eine Frau geht in Belgrad an einem Graffiti vorbei, das den russischen Präsidenten Wladimir Putin neben den Farben der serbischen Flagge zeigt. In dem Dokument werden fast stolz die Links zu den Posts aufgelistet.Westliche Nachrichtendienstler halten das in den Papieren beschriebene Vorgehen Russlands für "absolut plausibel". So heißt es in einem der Dokumente mit dem Titel "Projekt >Anti Erdogan<", zwischen der Türkei und den EU-Ländern gebe "zurzeit wesentliche Spannungen". Die pro-westliche Regierung in Chisinau ist unter Druck. Provokationen gegen die TürkeiIm Januar hatte in Stockholm der schwedisch-dänische Rechtsextremist Rasmus Paludan unweit der türkischen Botschaft eine Koran-Ausgabe verbrannt und damit Proteste in zahlreichen muslimisch geprägten Ländern ausgelöst. Paludan hatte die Verbrennungsaktion als einen Protest gegen den Islam und die angeblichen Versuche Erdogans erklärt, die Meinungsfreiheit in Schweden zu beeinflussen. Ein Sprecher des türkischen Außenministeriums sprach von einem "abscheulichen Angriff auf unser heiliges Buch" und rief die schwedische Regierung auf, gegen Paludan vorzugehen.Sicherheitskreise haben keinen Hinweis darauf, dass Russland konkret mit Paludans Aktion zu tun hatte. Aber der russische Geheimdienst scheint die Entwicklung genau beobachtet zu haben. In dem vorliegenden Projektpapier zumindest ist beschrieben, auf welche Weise weitere Spannungen zwischen den Staaten herbeigeführt werden könnten. Es wird vorgeschlagen: Die Fahne der Türkei mit den Füßen zu treten und ein Porträt von Erdogan in den Niederlanden zu verbrennen. Außerdem sollten Graffitis mit Erdogan-Beleidigungen in allen großen europäischen Städten verbreitet werden. Russland führt in der Ukraine nicht nur mit Raketen und Panzern Krieg, sondern auch mit Desinformation und Falschmeldungen. Bezahlung für ProtesteDie Recherchen der internationalen Medien legen nahe, dass von mehreren Aktionen in Europa tatsächlich Spuren nach Russland führen. Danach könnte zum Beispiel ein in Russland lebender Mann, dessen Name den Redaktionen bekannt ist, mit der Organisation von Protesten zu tun haben. Nicht nur teilte er die Berichte über die angebliche Protestaktion in Paris.Es sieht so aus, als habe er auch im Vorfeld solcher Aktionen, etwa per Facebook, nach Personen gesucht, die gegen Bezahlung teilnehmen. Für eine Koordination im Hintergrund sprechen auch identisch wirkende Schilder, die bei kleineren Protesten in unterschiedlichen Ländern genutzt wurden. Kurz nach der Anfrage wurde sein Account dann gelöscht.Erdogan helfenWolfgang Ischinger, ehemaliger Diplomat und Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, sieht durchaus Gründe für Moskau, solche Proteste zu fördern: Mit solch gezielten Provokationen erreiche Putin gleich zwei Ziele. Gleichzeitig könne der Anschein einer anti-muslimischen Stimmung in Europa die konservativen Kräfte in der Türkei stärken und damit Erdogans Chancen bei der bevorstehenden Wahl steigern.Wie gezielt Moskau offenbar auf gesteuerte Akteure, bezahlte Demonstranten oder gar Schauspieler setzt, um politische Straßenproteste vorzutäuschen, darauf weisen auch die jüngst bekannt gewordenen Geheimpapiere aus dem US-Verteidigungsapparat hin. In den "Pentagon Leaks" findet sich ein US-Geheimdienstbericht über geplante Protestaktionen Moskaus, um die Republik Moldau zu destabilisieren.Danach soll die Söldnertruppe Wagner mit einer russischen Sicherheitsfirma geplant haben, Demonstranten auszubilden. Dieses Training der angeblichen Protestler habe, so heißt es in dem US-Geheimpapier, ursprünglich im Februar in der Türkei stattfinden sollen.


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