Russischer Unterhändler fordert Todesstrafe für Asow-Kämpfer
- tim-news

- 18. Mai 2022
- 3 Min. Lesezeit
Rund 260 ukrainische Soldaten wurden aus dem bis zuletzt umkämpften Stahlwerk in Mariupol auf russisch kontrolliertes Gebiet gebracht. Kiew hofft auf einen Gefangenenaustausch. Aus Russland kommen unterdessen radikale Forderungen.
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Das russische Parlament erwägt, Kämpfer des ukrainischen Asow-Regiments von einem Gefangenenaustausch auszunehmen. Das geht aus einem Telegram-Dienst hervor, der aus der Duma überträgt. Die Nachrichtenagentur Tass zitiert Duma-Chef Wjatscheslaw Wolodin mit den Worten, dass Nazi-Kriminelle nicht ausgetauscht werden sollten.
Noch schärfer äußerte sich ein russischer Unterhändler. Russland sollte für die Kämpfer die Todesstrafe in Erwägung ziehen, sagte Leonid Slutski, der für Moskau mit der Ukraine verhandelt. Er behauptete: „Sie verdienen es nicht zu leben angesichts der monströsen Menschenrechtsverbrechen, die sie begangen haben und die sie weiterhin an unseren Gefangenen begehen.“
Russland wirft der Ukraine vor, mit dem Regiment Rechtsextreme als Teil ihrer Armee zu dulden. Tatsächlich war die Truppe bekannt dafür, diese in ihren Reihen gehabt zu haben. Experten gehen jedoch davon aus, dass sich das in den vergangenen Jahren geändert hat. Das Regiment war maßgeblich an der Verteidigung der Hafenstadt Mariupol beteiligt.
Die ukrainische Vize-Verteidigungsministerin Hanna Maljar nannte die Äußerungen Wolodins über vermeintliche „Kriminelle“ ein politisches Statement, „konzipiert als interne Propaganda, (mit Blick auf) interne politische Prozesse in der Russischen Föderation.“ Aus Sicht der Ukraine dauerten sowohl der Verhandlungsprozess als auch der Rettungseinsatz selbst an, sagte sie.
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Der ukrainische Generalstab erklärte am Dienstagabend in seinem abendlichen Lagebild, dass russische Truppen die ukrainischen Einheiten im Stahlwerk blockierten. Eine Angabe, wie viele Kämpfer sich noch auf dem Gelände befinden, gab es nicht.
Nach Aussagen der stellvertretenden ukrainischen Regierungschefin Iryna Wereschtschuk geht es bei einem bereits angestrebten Gefangenenaustausch zunächst nur um die „schwer verletzten Soldaten“. Moskau äußerte sich dazu nicht direkt. Nach eigenen Angaben will eine russische Strafverfolgungsbehörde die aus dem Werk geholten Kämpfer verhören.
Die Ukrainer wurden auf russisch kontrolliertes Gebiet gebracht
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Nach Monaten erbitterter Kämpfe um Mariupol sah es jüngst so aus, als gebe die Ukraine dort ihre letzte Bastion auf und überlasse damit russischen Truppen die Kontrolle über die weitgehend zerstörte Hafenstadt. Das ukrainische Militär kündigte am Dienstag an, eine komplette Evakuierung des Asowstal-Werks anzustreben. Die Anlage war zum Sinnbild für den Widerstand in Mariupol geworden, weil sich dort wochenlang ukrainische Kämpfer verschanzt hatten.
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Der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte hatte am Montagabend auf Facebook mitgeteilt, die Evakuierung von 53 schwer verwundeten Soldaten habe begonnen. Sie seien in ein Krankenhaus in Nowoasowsk gebracht worden. Die Stadt wird von pro-russischen Separatisten kontrolliert.
Mehr als 200 weitere Soldaten seien zudem nach Oleniwka gebracht worden, das ebenfalls russisch kontrolliert ist. Sie sollen im Rahmen eines Gefangenentausches später in von der Ukraine kontrolliertes Gebiet gebracht werden. Weitere Maßnahmen zur Rettung der Einheiten im Stahlwerk liefen.
Quelle: REUTERS
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Das russische Militär hat derweil nach eigenen Angaben seit Montag 265 ukrainische Kämpfer aus dem Stahlwerk gefangen genommen. „In den vergangenen 24 Stunden haben 265 Kämpfer, darunter 51 Schwerverletzte, ihre Waffen niedergelegt und sich in Gefangenschaft begeben“, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Dienstag. Die Zahlen unterscheiden sich also geringfügig von den Angaben aus Kiew.
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Es sind Helden
Das russische Ministerium veröffentlichte auch ein Video, das die Gefangennahme der Ukrainer, medizinische Behandlung sowie den Abtransport der Verletzten zeigen soll. Ob es tatsächlich zu dem von Kiew erhofften Gefangenenaustausch kommen wird, ließ Russlands Militär zunächst offen.
„Die Garnison Mariupol hat ihren Kampfauftrag erfüllt“
Ein Kommandeur der dort eingeschlossenen ukrainischen Truppen hatte zuvor in einem Video erklärt, er führe Befehle des Oberkommandos aus, um Leben der Soldaten zu retten. Der Generalstab der ukrainischen Armee hatte auf Facebook eine Erklärung veröffentlicht, wonach das Oberste Militärkommando den Kommandeuren der in dem Stahlwerk Asow stationierten Einheiten befohlen habe, das Leben des Personals zu retten. „Die Garnison Mariupol hat ihren Kampfauftrag erfüllt.“
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Die Verteidiger seien Helden und für immer in die Geschichte eingegangen. Ihr Widerstand habe die geplante schnelle Eroberung von Saporischschja verhindert. Durch die Bindung der feindlichen Kräfte habe die Ukraine die Möglichkeit erhalten, Verteidigungslinien aufzubauen. „Uns blieb eine kritische Zeit, um Reserven zu bilden, Truppen neu zu gruppieren und Unterstützung von Partnern zu erhalten.“
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte in einer Videoansprache, die in der Nacht auf Facebook veröffentlicht wurde, dies sei kein leichter Tag. Die Ukraine brauche ihre Helden allerdings lebend. „Dank der Aktionen des ukrainischen Militärs, der Streitkräfte der Ukraine, des Geheimdienstes sowie des Verhandlungsteams, des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes und der UNO hoffen wir, dass wir in der Lage sein werden, das Leben unserer Jungs zu retten.“
dpa/AFP/Reuters/säd/ll

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