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Russland will laut eigener Aussage Einheiten um Kiew abziehen und sich auf Donbass konzentrieren

Der Kreml hat einen Rückzug von Truppen aus der Hauptstadtregion verkündet. Die Invasion soll sich nach Angaben des Verteidigungsministers auf den Donbass konzentrieren. In Krywyj Rih meldete die ukrainische Armee Erfolge. Ein Überblick.

Anzeige Russland will nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau die Militäraktivitäten bei Kiew und Tschernihiw „radikal“ reduzieren. Diese Entscheidung sei angesichts des Verlaufs der Verhandlungen mit Kiew getroffen worden, teilte der Vize-Verteidigungsminister Alexander Fomin am Dienstag in Istanbul mit. Fomin begründet die Ankündigung als Schritt zur Stärkung des gegenseitigen Vertrauens. Es müssten die erforderlichen Bedingungen für weitere Verhandlungen mit dem Ziel einer Vereinbarung geschaffen werden, sagt Fomin vor Journalisten. Auch Verteidigungsminister Sergej Schoigu bekräftigte am Dienstag eine Konzentration der Invasionstruppen auf die Donbass-Region. Insgesamt seien die Hauptaufgaben „der ersten Phase der Operation abgeschlossen“ worden, sagte er in Moskau. Deshalb sei es möglich, sich auf die „Befreiung des Donbass“ zu konzentrieren, in dem sich die sogenannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk befinden. Schoigu wiederholte im Wesentlichen die am vergangenen Freitag neugefassten strategischen Ziele der russischen Invasionstruppen. Dies sei auch möglich, weil „das Kampfpotenzial der ukrainischen Streitkräfte erheblich reduziert“ worden sei. Schoigu versicherte, dass keine Rekruten an die Front geschickt würden, die im April zum Wehrdienst eingezogen werden.

Das Verwaltungsgebäude in Mykolajiw wurde von einer russischen Rakete getroffen Quelle: REUTERS

In der südukrainischen Stadt Mykolajiw wurden nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj durch einen russischen Raketenangriff mindestens sieben Menschen getötet und 22 weitere Menschen verletzt.

Die Trümmer würden derzeit noch durchkämmt auf der Suche nach weiteren Opfern, sagte Selenskyj am Dienstag in einer Videobotschaft vor dem dänischen Parlament. Mykolajiw steht seit Wochen unter russischem Beschuss, zuletzt hatten die Angriffe auf die Stadt jedoch nachgelassen.

Erfolg für ukrainische Armee in Selenskyjs Heimatstadt und in Irpin

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Die ukrainische Armee drängte eigenen Angaben zufolge russische Truppen bei der südukrainischen Großstadt Krywyj Rih zurück. „Die Besatzer befinden sich nicht näher als 40 Kilometer von der Stadt entfernt“, sagte der Chef der Militärverwaltung der Stadt, Olexander Wilkul, in einer am Dienstag bei Facebook veröffentlichten Videobotschaft. Teils hätten sich russische Einheiten über die Grenze des Gebiets Dnipropetrowsk ins benachbarte Cherson zurückgezogen. Die Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen.

Aktuelle Lage in der Ukraine Quelle: Infografik WELT

Krywyj Rih ist die Heimatstadt von Präsident Selenskyj. Vor dem Krieg lebten dort etwa 600.000 Menschen. Zwischenzeitlich seien die Russen bis etwa zehn Kilometer an die Industriestadt herangekommen, hieß es von ukrainischer Seite.

Auch die Stadt Irpin bei Kiew wurde nach Regierungsangaben befreit. „Die Stadt ist nun befreit worden, aber es ist immer noch gefährlich, dort zu sein“, sagte der ukrainische Innenminister Denys Monastyrsky am Montagabend im Fernsehen. Die bewaffneten Truppen und die Polizei seien in den Vorort der Hauptstadt Kiew vorgerückt und „sofort wurden die Straßen völlig leer gefegt“.

Eine ukrainische Polizistin ist von ihren Gefühlen überwältigt, nachdem sie Menschen getröstet hat, die aus der Kiewer Vorstadt Irpin evakuiert wurden Quelle: dpa/Vadim Ghirda

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Der Bürgermeister der Stadt, Oleksandr Markuschin, hatte zuvor auf seinem Kanal des Messengerdienstes Telegram erklärt, die russischen Soldaten seien aus der Stadt vertrieben worden. Der Hauptkontrollposten an der Straße von Kiew nach Irpin war am Montag wieder offen. Er war vor zwei Wochen nach dem Tod eines US-Journalisten für Medien gesperrt worden.

Ukrainische Truppen eroberten nach Einschätzung der USA auch den Ort Trostjanez südlich von Sumy zurück. Das sagt ein Vertreter des US-Verteidigungsministeriums zu Reportern.

Die ukrainischen Streitkräfte versuchen zudem eigenen Angaben zufolge an mehreren Orten, Angriffe russischer Einheiten abzuwehren. Man sei dabei, den russischen Vormarsch auf die Großstadt Slowjansk im Gebiet Donezk im Südosten des Landes sowie auf die rund eine Autostunde entfernte Kleinstadt Barwinkowe im Gebiet Charkiw zu stoppen, heißt es im Lagebericht des ukrainischen Generalstabs, der in der Nacht zu Dienstag auf Facebook veröffentlicht wurde.

Im Gebiet Luhansk im Osten des Landes versuche man die Eindämmung russischer Angriffe rund um die Städte Rubischne mit 60.000, Lyssytschansk mit 100.000 und Popasna mit 20.000 Einwohnern. Aus der Umgebung aller drei Städte meldete die Ukraine regelmäßige Gefechte. Damit wolle man verhindern, dass russische Truppen an ukrainischen Streitkräften vorbeiziehen. Auch in der Region Tschernihiw im Norden des Landes sei man dabei, den russischen Vormarsch einzudämmen.

Die russischen Einheiten seien geschwächt, orientierungslos und ein großer Teil der Truppen sei von der Logistik und den Hauptstreitkräften abgeschnitten, hieß es weiter. Deswegen versuche Moskau, die sinkende Kampfkraft durch Artilleriefeuer und Raketenangriffe zu kompensieren.

Mariupol offenbar kurz vor dem Fall

Die südukrainische Hafenstadt Mariupol steht dagegen offenbar kurz vor dem Fall. In einem Interview im ukrainischen Fernsehen sagte der Bürgermeister der Stadt, Wadim Boitschenko, am Montag, nicht alles sei mehr in seiner Macht. „Leider sind wir hier jetzt in der Hand der Besatzer.“

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Allerdings wurde nicht klar, inwieweit sich dies auf die Kontrolle des Stadtgebiets bezog. Möglicherweise zielte er vor allem auf die Situation in den Fluchtkorridoren. Diese würden praktisch komplett von den russischen Invasoren kontrolliert, sagte er. In jedem Fall ist die Lage offenbar extrem schwierig.

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In der Stadt selbst sei das Leben unerträglich geworden, es gebe keinen Strom, kein Wasser, keine Heizung, so der Bürgermeister. Nach seinen Worten sind nur noch 160.000 der ursprünglich 450.000 Einwohner in der Metropole am Asowschen Meer. Etwa 140.000 konnten bereits vor der Blockade fliehen, etwa 140.000 danach, davon seien 30.000 nach Russland entführt worden, wie es von ukrainischer Seite heißt.

Ein Soldat russischer Einheiten vor einem zerstörten Gebäude in Mariupol Quelle: REUTERS

Ukrainischen Angaben zufolge sind 90 Prozent der Wohngebäude der Stadt aufgrund russischer Angriffe beschädigt, ebenso sieben Krankenhäuser, drei davon seien komplett zerstört worden. 57 Schulen und 70 Kindergärten seien getroffen worden, davon 23 bzw. 28 komplett zerstört.

Bojtschenko rief angesichts dieser aussichtslosen Lage zur vollständigen Evakuierung der Stadt auf. Das sei derzeit die einzige Hoffnung. 26 Busse stünden dafür vor der Stadt bereit, doch die russischen Besatzer ließen sie nicht durch.

Kadyrow will Mariupol „vollständig befreien“

Unterdessen ist der tschetschenische Diktator und Handlanger Putins, Ramsan Kadyrow, russischen Medienberichten zufolge in die belagerte Stadt gereist. „Tschetschenenführer Ramsan Kadyrow ist in Mariupol, um den Kampfgeist unserer Kämpfer zu steigern“, sagte der tschetschenische Minister Achmed Dudajew der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti. Diese veröffentlichte ein Foto von Kadyrow mit rund 20 tschetschenischen Kämpfern.

Dem Minister zufolge soll Kadyrow dabei helfen, die Strategie für die „Befreiung“ Mariupols anzupassen, wie es in der russischen Propaganda-Sprache heißt. Kadyrow selbst schrieb auf Telegram, die „Säuberung“ der zerbombten Hafenstadt von „Nazi-Banditen“ laufe auf „Hochtouren“. Er versprach, dass Mariupol „in sehr kurzer Zeit vollständig befreit sein wird“.

Mehr als 100 Tote in Kiew gezählt

Durch diese Angriffe sind allein in Kiew Bürgermeister Vitali Klitschko zufolge seit dem Beginn der russischen Invasion mehr als 100 Menschen ums Leben gekommen. Darunter seien vier Kinder, sagt er in einer Ansprache an den Rat der italienischen Partnerstadt Florenz. In der Hauptstadt seien inzwischen 82 mehrstöckige Gebäude zerstört worden.

Ungeachtet mancher militärischen Erfolge schätzt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Situation in seinem Land weiter als angespannt ein. Das sagte er in seiner allabendlichen Videoansprache in der Nacht zu Dienstag.

Quelle: Infografik WELT/Isabell Bischoff

Russische Truppen hielten den Norden des Kiewer Gebiets unter ihrer Kontrolle, verfügten über Ressourcen und Kräfte, sagte Selenskyj. Sie versuchten, zerschlagene Einheiten wieder aufzubauen. Auch in den Gebieten Tschernihiw, Sumy, Charkiw, Donbass und im Süden der Ukraine bleibe die Lage „sehr schwierig“.

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Selenskyj forderte erneut schärfere Sanktionen gegen Russland. Bezüglich eines in Europa diskutierten Embargos russischer Öllieferungen sagte er, dass es nun viele Hinweise gebe, dass eine derartige Verschärfung der Sanktionen gegen Russland nur erfolgen werde, wenn Moskau Chemiewaffen einsetze. „Dafür gibt es keine Worte“, sagte Selenskyj.


„Denken Sie mal, wie weit es gekommen ist. Auf Chemiewaffen warten“, sagte er weiter und stellte die Frage, ob nicht alles, was Russland bisher getan habe, bereits ein derartiges Embargo verdiene. Details dazu, woher diese Hinweise stammten, nannte er nicht.

In Kiew wolle man diese Woche im Präsidialamt eine Expertengruppe aus ukrainischen und internationalen Fachleuten einsetzen, die die Sanktionen gegen Russland und ihre Auswirkungen laufend analysieren sollten.

 
 
 

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