Selenskyj: „Lage viel schrecklicher als in Butscha!“
- tim-news

- 8. Apr. 2022
- 3 Min. Lesezeit
Die schrecklichen Bilder von Gräueltaten russischer Truppen an der Zivilbevölkerung in Butscha schockierten die Welt. Hinrichtungen, Massenmord – Kriegsverbrechen! Seit Tagen stellen sich die Menschen in der Ukraine die bange Frage: Wie viele Butschas gibt es noch? Laut Wolodymyr Selenskyj (44) werden die schlimmsten Befürchtungen jetzt in Borodjanka wahr.
Der Ukraine-Präsident hat die Situation in der Stadt nach dem Abzug der russischen Truppen als verheerend bezeichnet.
Die Lage in Borodjanka sei noch „viel schrecklicher“ als im vor wenigen Tagen von der ukrainischen Armee zurückeroberten Butscha, sagte Selenskyj am Donnerstag in einer Videobotschaft an seine Landsleute.
„Es gibt dort noch mehr Opfer der russischen Besatzer.“
Ukraine-Präsident Wolodymyr Selenskyj während seiner Videobotschaft am DonnerstagFoto: UKRAINIAN PRESIDENTIAL PRESS SERVICE/via REUTERS
Die ukrainische Generalstaatsanwältin Iryna Wenediktowa hatte zuvor den Fund Dutzender Leichen in Wohngebieten von Borodjanka gemeldet. „Allein aus den Trümmern von zwei Wohnblöcken wurden 26 Leichen geborgen“, erklärte sie auf Facebook.
Wie viele weitere Tote in der 55 Kilometer nordwestlich von Kiew gelegenen Stadt noch gefunden werden, sei „unmöglich vorherzusagen“.
Wenediktowa warf Russland Kriegsverbrechen vor. Beweise dafür „finden sich auf Schritt und Tritt“, erklärte sie. In der 13 000-Einwohner-Stadt gebe es keine militärischen Einrichtungen, „ihr einziges Ziel war die Zivilbevölkerung“.
Ein völlig zerstörtes Wohnhaus in BorodjankaFoto: Daniel Ceng Shou-Yi/dpa
Putins Truppen hätten Streubomben und schwere Mehrfach-Raketenwerfer-Systeme eingesetzt, fügte Wenediktowa hinzu. Sie beschuldigte die russischen Streitkräfte, Zivilisten „zu töten, zu foltern und zu schlagen“ sowie sexuelle Übergriffe zu begehen.
Die ukrainischen Behörden würden in Borodjanka Beweise für Russlands Schuld für örtliche und internationale Gerichte sammeln.
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Die russische Armee hatte sich vor rund einer Woche aus dem Großraum Kiew zurückgezogen und stellt sich derzeit im Osten der Ukraine neu auf. In den nahe Kiew gelegenen Orten bot sich nach dem Abzug der russischen Truppen ein Bild der Verwüstung.
Hunderte hingerichtete, unschuldige Zivilisten – Folter und Vergewaltigungnen. Menschenrechtsorganisationen sprechen von Vergewaltigung als „Kriegswaffe“ in der Ukraine.
Am Donnerstag hatte der ukrainische Innenminister Denys Monastyrskyj gesagt, Borodjanka sei eine der am stärksten zerstörten Städte in der Region Kiew. Angaben der ukrainische Generalstaatsanwaltschaft zufolge soll es in der Stadt die meisten Opfer in der Region Kiew geben.
Bislang haben die Behörden aber noch keine Zahlen für diesen Ort genannt. Seit Mittwoch sucht der ukrainische Zivilschutz dort nach Überlebenden und Opfern.
Selenskyj besuchte vor wenigen Tagen Butscha, machte sich ein Bild von den russischen Gräueltaten. Die Situation in Borodjanka soll noch viel schrecklicher seinFoto: RONALDO SCHEMIDT/AFP
Putins Raketen Drohnen-Video zeigt Ausmaß der Zerstörung
01:50
Quelle: Reuters / Radio Free Europe/Radio Liberty, Twitter Carl Bildt
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BILD-Reporter waren in Borodjanka
Wer durch den Ort fährt, erkennt die völlige Zerstörung. Kaum etwas steht noch. Die Ukrainer, die in der Stadt eingekesselt waren, haben Dramatisches erlebt.
BILD traf Hanna (77), die immer wieder anfing zu weinen, als sie von den russischen Truppen berichtet. „Sie kamen in jedes Haus, suchten und nahmen, was sie konnten. Gold, Fernseher, Kleider, Elektrogeräte. Sogar die Unterwäsche haben sie gestohlen.“
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Viele Männer wurden von den russischen Soldaten mitgenommen. Neben einer Kirche wurden sie laut der Rentnerin gefesselt: „Sie legten sie auf den Boden und folterten sie. Sie haben sie verprügelt und alle möglichen obszönen Sachen gemacht. Einige der Männer ließen sie gehen, andere wurden weggebracht.“ Wo die Männer jetzt sind, wisse Hanna nicht.
Aus ukrainischen Regierungskreisen erfuhr BILD, dass auch in Borodjanka immer noch Leichen gefunden werden. Man vermute weitere Leichen in den angrenzenden Wäldern.
Auch dieses Haus trafen die russischen Raketen – mit verheerender WirkungFoto: Giorgos Moutafis
Hanna hat ihre Schwester verloren
Hannas Schwester wurde erschossen, als sie nur zu ihrem Haus ging, um etwas zu essen aus ihrem Kühlschrank zu holen.
„Im Haus meiner Schwester gab es keinen Keller, in meinem Haus schon. Also kam sie zu mir, um sich vor den Granaten zu verstecken“, berichtet Hanna. „Wir hatten damals noch Strom, sie bewahrte etwas Essen in ihrem Kühlschrank auf. Dann kamen die Panzerkonvois, sie schossen und zerstörten das Stromnetz. Also beschloss meine Schwester, das Essen aus ihrem Kühlschrank zu holen.“ Dabei habe ihre Schwester Schwierigkeiten beim Laufen gehabt, ihre Beine schmerzten. „Sie war krank“, sagt Hanna.
Hanna (77): „Sie schossen meiner Schwester in den Rücken“Foto: Giorgos Moutafis
„Als sie schon fast an ihrem Haus war, kam eine Kolonne von Russen vorbei. Sie schossen ihr in den unteren Teil ihres Rückens, sie blieb auf der Straße liegen“, so Hanna weiter. Tragisch: Die Leiche ihrer Schwester konnte Hanna lange nicht von der Straße bergen. „Die Kolonnen schossen um sich, wenn sie vorbeifuhren.“
Hannas Geschichte – nur eine von vielen!

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