USA liefern Raketenwerfer an die Ukraine – Russland hält Atomwaffen-Übung ab
- tim-news

- 1. Juni 2022
- 5 Min. Lesezeit
Die USA verstärken ihre Waffenhilfe für die Ukraine: Kiew wird moderne Raketensysteme vom Typ Himars erhalten, um russische Ziele präziser zu treffen. In der Ostukraine gab es bei den Kämpfen einen Zwischenfall in einem Chemiewerk. Ein Überblick.
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Die USA werden die Ukraine mit modernsten Waffen im Kampf gegen Russland unterstützen. Washington will Kiew unter anderem Mehrfachraketenwerfer vom Typ Himars liefern, wie ein hochrangiger US-Regierungsvertreter am Dienstagabend bestätigte. Das System soll mit Munition mit einer Reichweite von 80 Kilometern geliefert werden. US-Präsident Biden hatte noch am Montag die Lieferung von Mehrfachraketenwerfern an die Ukraine ausgeschlossen, die Ziele in Russland erreichen könnten.
Das System sei Teil eines Pakets im Wert von 700 Millionen Dollar (652 Millionen Euro), das daneben unter anderem Geschosse, Radarsysteme, Panzerabwehrwaffen vom Typ Javelin, Hubschrauber, Fahrzeuge und Ersatzteile beinhalte.
Das Langstrecken-Artilleriesystem Himars (M142 High Mobility Artillery Rocket System) solle die militärischen Fähigkeiten der Ukraine im Kampf gegen Russland verbessern, sagt ein Regierungsvertreter. „Diese Systeme werden von den Ukrainern eingesetzt, um russische Vorstöße auf ukrainisches Territorium abzuwehren, aber sie kommen nicht gegen Ziele auf russischem Territorium zum Einsatz.“
Raketenwerfer vom Typ Himars im Einsatz
Raketenwerfer vom Typ Himars im Einsatz
Quelle: AP/Tony Overman
Zuvor hatte US-Präsident Joe Biden in einem Meinungsbeitrag für die „New York Times“ angekündigt, der Ukraine „fortschrittlichere Raketensysteme“ zu liefern. Diese würden es „ermöglichen, wichtige Ziele auf dem Schlachtfeld in der Ukraine präziser zu treffen“, schrieb Biden. Er betonte allerdings: „Wir ermutigen oder ermöglichen der Ukraine nicht, jenseits ihrer Grenzen zuzuschlagen“.
Das System wird auf einen Lastwagen aufmontiert und kann einen Behälter mit sechs Raketen tragen. Es kann eine Rakete abfeuern, die in der Regel auf eine Reichweite von rund 70 Kilometern kommt. In Washington wird erwartet, dass die Ukraine die Raketen im Donbass einsetzen könnte, um russische Artillerie abzufangen und russische Stellungen in Städten auszuheben, wo heftige Kämpfe tobten, etwa in Sjewjerodonezk.
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Auf diese strategisch bedeutsame Stadt in der Region Luhansk konzentriert sich aktuell die russische Offensive im Osten der Ukraine, wo der Kreml seit Jahren von prorussischen Separatisten kontrollierte Gebiete ausweiten will.
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Das auf Fahrzeugen montierte System Himars kann Raketen mit mehreren hundert Kilometern Reichweite abfeuern. Wie der Regierungsvertreter betonte, wollen die USA jedoch keine Munition mit solch großer Reichweite liefern. „Diese Systeme werden von den Ukrainern eingesetzt, um russische Vorstöße auf ukrainisches Gebiet abzuwehren, aber sie werden nicht gegen Russland eingesetzt“, sagte der Beamte.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte in der Nacht angekündigt, sein Land wolle die Lieferung weiterer Waffen abwarten, bevor die Armee mit der Befreiung der von Russland besetzten Gebiete beginne. Es brauche entsprechende Waffen, „um die maximale Zahl unserer Menschen zu retten“, sagte Selenskyj in Kiew am Dienstag. Die Ukraine werde sich nicht beeilen mit der Befreiung ihrer Territorien, wenn dies Zehntausende von Opfern fordere, sondern vielmehr auf die nötigen Waffen warten.
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Zur Art dieser Waffen äußerte sich Selenskyj nicht. Er fordert vom Westen seit Wochen die Lieferung schwerer Waffen, um die russischen Angriffe im Osten des Ukraine abzuwehren und die Truppen zurückzudrängen. Der Staatschef sagte, dass die ukrainischen Streitkräfte in einer schwierigen Lage seien wegen des Mangels an Waffen. Die Situation werde erschwert durch die große Zahl an Kampftechnik des Gegners.
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Die russischen Atom-Streitkräfte führten nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax in der nordöstlich von Moskau gelegenen Provinz Iwanowo Truppenübungen durch. Etwa 1000 Soldaten würden umfangreiche Manöver mit über 100 Einsatzfahrzeugen abhalten, darunter auch Trägerraketen für ballistische Interkontinentalraketen vom Typ Jars, berichtet Interfax unter Berufung auf das russische Verteidigungsministerium. Der Bericht konnte von Reuters zunächst nicht unabhängig überprüft werden.
In seiner jeden Abend gesendeten Ansprache wies Selenskyj auf Erfolge der ukrainischen Streitkräfte in den Gebieten Charkiw im Osten und Saporischschja im Süden hin. Auch im Gebiet Cherson, das russische Truppen besetzt haben, gebe es „gewisse Erfolge“.
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Die ukrainischen Streitkräfte blieben an der Front im Moment „Herr der Lage“ ungeachtet der technischen und personellen Überlegenheit der russischen Armee. Er rief die Ukrainer auf, sich nicht nur anzuschauen, wo die Lage schwierig sei. Das Bild an der Front sei vielmehr komplex. Bei einem Besuch im Gebiet Charkiw hatte sich Selenskyj am Sonntag darüber informieren lassen, dass dort gegenwärtig noch 31 Prozent der Region von russischen Okkupanten besetzt seien. Bereits fünf Prozent seien befreit worden.
Bei Gefechten in der umkämpften ostukrainischen Großstadt Sjewjerodonezk im Gebiet Luhansk ist es in einer Chemiefabrik für Salpetersäure zu einem Zwischenfall gekommen. Die ukrainischen Behörden, die dort weiter die Kontrolle haben, sprachen am Dienstag von einem russischen Luftangriff auf das Werk.
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Die aktuelle Situation in der Ukraine
Quelle: Infografik WELT
Die prorussischen Separatisten teilten dagegen mit, es sei dort zu einer Explosion gekommen. Auf Fotos, die Gouverneur des Gebietes Luhansk, Serhij Hajdaj, in seinem Nachrichtenkanal bei Telegram veröffentlichte, war eine große Rauchwolke zu sehen. Der Betrieb gehört zu den größten Chemieunternehmen in der Ukraine. Dort seien einmal 7000 Menschen beschäftigt gewesen, hieß es.
Sjewjerodonezk, das von ukrainischen Behörden kontrollierte Verwaltungszentrum im Gebiet Luhansk, ist seit Tagen umkämpft. Sollten die russischen Truppen die Stadt einnehmen, hätten sie die komplette Kontrolle über die Region Luhansk. Die Einnahme des Gebiets ist eines der von Kremlchef Wladimir Putin ausgegebenen Ziele in dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.
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Der Anführer der von Putin als Staat anerkannten Volksrepublik Luhansk, Leonid Passetschnik, sagte am Dienstag, dass inzwischen zwei Drittel der Stadt unter Kontrolle der prorussischen Kräfte seien. Der ukrainische Gouverneur Hajdaj bestätigte, der Großteil von Sjewjerodonezk sei inzwischen unter russischer Kontrolle. Trotzdem gäben die ukrainischen Verteidiger nicht auf. 90 Prozent der Gebäude in der Stadt seien beschädigt, bei 60 Prozent lohne sich der Wiederaufbau nicht, sagte er.
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Die Vereinten Nationen bemühen sich unterdessen angesichts weltweit angestiegener Lebensmittelpreise um die Wiederaufnahme der Getreide-Exporte aus Russland und der Ukraine. Die UN-Beamtin Rebecca Grynspan habe konstruktive Gespräche mit dem stellvertretenden russischen Ministerpräsidenten Andrej Belousow über Getreide- und Düngemittelausfuhren in Moskau geführt, teilte ein UN-Sprecher mit. Derzeit verhandele sie in Washington mit der US-Regierung über dasselbe Thema. Ziel sei es, weltweit die Versorgung mit Lebensmitteln sicherzustellen.
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Vergangenen Monat war UN-Generalsekretär Antonio Guterres nach Moskau und Kiew gereist, um die Wiederaufnahme der ukrainischen Lebensmittelexporte und der russischen Lebensmittel- und Düngemittelausfuhren zu vermitteln. Russlands Krieg in der Ukraine hat eine weltweite Nahrungsmittelkrise ausgelöst, in deren Folge die Preise für Getreide, Speiseöl, Treibstoff und Düngemittel in die Höhe schossen. Auf Russland und die Ukraine entfällt fast ein Drittel der weltweiten Weizenlieferungen. Russland ist zudem ein wichtiger Exporteur von Düngemitteln, die Ukraine von Mais und Sonnenblumenöl.
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Quelle: Infografik WELT/Isabell Bischoff
Die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Linda Thomas-Greenfield, erklärte, die Vereinigten Staaten seien bereit, mittels Patronatserklärungen die Ausfuhr von russischem Getreide und Düngemitteln zu erleichtern. Sie wies darauf hin, dass beides nicht unter die Sanktionen gegen Russland falle. Allerdings seien Unternehmen offenkundig verunsichert, mit den russischen Produkten zu handeln. Die Patronatserklärungen sollten diese Unsicherheiten beseitigen.
Der russische Präsident Wladimir Putin erklärte am Montag, Russland sei bereit, in Abstimmung mit der Türkei den ungehinderten Export von Getreide aus den ukrainischen Häfen zu ermöglichen. Derzeit werden die Schifffahrtsrouten durch das Schwarze Meer durch die russische Marine blockiert.
AFP/AP/dpa/Reuters/kg


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