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Wie Billigmode von Shein die Welt überrollt

Shein ist einer der größten Online-Fashion-Anbieter der Welt. Junge Frauen schütten kistenweise, bestellte Klamotten auf den Boden, packen stolz knappe Tops, Oversize-Hosen und enge Miniröcke aus. Stöckeln dann frisch gestylt vor der Kamera hin und her, um die neuen Outfits ihren Followern auf Tiktok zu präsentieren. Einträge mit dem Hashtag #shein werden teils millionenfach angesehen. Shein ist einer der großen Player auf dem sogenannten Fast-Fashion-Markt. Der chinesische Modekonzern liegt beim Umsatz im Fast-Fashion-Bereich mit fast 30 Milliarden Euro im Jahr 2022 auf Platz zwei hinter dem spanischen Textilkonzern Inditex, dazu gehört zum Beispiel Zara. "Influencer Marketing ist deren wichtigstes Marketinginstrument", sagt Christiane Beyerhaus, Professorin für Marketing und Handel an der International School of Management in Berlin, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Und dann zeigt er das Outfit auf TikTok mit einem Hashtag von Shein. Und diese Posts mit dem Hashtag Shein, die erzielen eine unglaublich hohe Reichweite", sagt Beyerhaus. Shein ist ein rein digitales Mode-Unternehmen - verkauft fast ausschließlich online, an Kunden im Ausland, vor allem in den USA und Europa. Jeden Tag stellt der chinesische Konzern 3000 neue Artikel auf die Plattform. Vergangenes Jahr wurde die App rund 200 Millionen mal heruntergeladen - damit ist Shein unter den Top 20 der am häufigsten downgeloadeten Apps. Den Pop-Up-Store von Shein an der Berliner Tauentzienstraße besuchten Ende März rund 15.000 Menschen. Dieses Jahr sind in der Region Europa, Naher Osten und Afrika rund 30 geplant. Auf der Shein-Webseite gibt es T-Shirts ab 2 Euro, Kleider ab 2,50 Euro, Flip-Flops für 3 Euro. Rasant schnell, innerhalb weniger Tage bringt Shein die Klamotten auf den Markt. Ein Testverkauf mit kleinen Mengen ist sogar innerhalb von Stunden vorbereitet. "Es basiert darauf, dass man den Fashion-Kalender extrem verkürzt, es sind nicht wie bei Zara zwei bis drei Wochen von der Planung, vom Design bis hin zum Store, sondern bei Shein sind es sogar nur ein bis zwei Wochen." Panorama 24.04.23 Weltweit hat Shein über 10.000 Mitarbeiter und ist in 150 Ländern aktiv, berichtet die "Zeit". Eine Künstliche Intelligenz erledigt das ganz automatisch, wertet aus, welche Farben, Stoffe, Größen und Styles gut laufen. Die Näherinnen in China arbeiten teils 75 Stunden pro Woche, ohne Arbeitsvertrag und mit nur einem freien Tag pro Monat, heißt es in einem Bericht der Organsiation Public Eye. Beyerhaus berichtet von 18 Stunden langen Arbeitstagen und nennt die Arbeitsbedingungen "mehr als mangelhaft". ISM Foto.jpg (Foto: ISM) Zudem zeigten fast alle der Kleidungsstücke Chemikalienspuren, "oft auch in sehr hohen, in besorgniserregenden Mengen", so die Mode-Professorin. Wie stark die Kleidung von Shein mit Chemie belastet ist, zeigt eine Studie von Greenpeace: In 96 Prozent der getesteten Textilien war mindestens eine gefährliche Chemikalie enthalten, darunter Formaldehyd, Schwermetalle und Weichmacher. Auch die Abfallbilanz ist fragwürdig: Fast-Fashion-Produkte werden als Wegwerfartikel produziert. Recycelt wird weniger als ein Prozent der Stoffe, heißt es in der Studie. Recycling ist auch oft gar nicht möglich, sagt Elke Hortmeyer, Sprecherin der Bremer Baumwollbörse im ntv-Podcast "Wieder was gelernt", weil die Fasern heutzutage oft gemischt werden. Und die Kleidung ist auch nicht für das Tragen von Jahren gedacht, sondern für das Tragen für eine Party am Wochenende, unter dem Umweltgedanken ist das absolut katastrophal", kritisiert Hortmeyer die Wegwerfmentalität. Die Standard-Versandzeit liegt für Deutschland bei sieben bis neun Werktagen, beim günstigeren Versand kann es sogar mal zwei oder drei Wochen dauern. Bei den Lieferzeiten kann Shein also nicht im Ansatz mit Konzernen wie Amazon oder deutschen Versandhändlern mithalten. In Deutschland liegt Shein in der Rangliste der größten Online-Modehändler 2021 nur auf Platz neun, hinter Zalando, H&M und Bonprix. Und wird auch von Amazon überholt, dem umsatzstärksten Onlineshop überhaupt. Panorama 17.01.23 02:43 min Das Problem hat Shein erkannt und will deshalb weltweit mehr Produktionszentren aufbauen, um den europäischen Markt endgültig zu erobern. So wird seit Kurzem auch in der Türkei produziert, außerdem plant Shein in Polen ein 40.000 Quadratmeter großes Lager. In Irland ist im Mai der neue Hauptsitz für Europa, den Nahen Osten und Afrika entstanden. Ausgebaut wird auch in Lateinamerika: In Brasilien produzieren einige Fabriken bereits für Shein, auch in Mexiko soll eine neue Fabrik gebaut werden. "Mexiko hat natürlich auch eine ziemliche Nähe zu den USA, aber es ist einfach noch der größte Absatzmarkt und deshalb ergibt das mit Sicherheit Sinn", schätzt Beyerhaus die Pläne ein. Die Gruppe Extinction Rebellion protestierte im Mai 2022 vor einem Pop-Up-Geschäft von Shein in Toulouse. Shein plant auch ein großes Comeback in Indien. 2020 war Shein in Indien verboten worden, so wie Dutzende andere chinesische Apps, auch Tiktok. Dafür tut sich der Fast-Fashion-Riese mit dem reichsten Mann Indiens zusammen, Mukesh Ambani. Durch Geschäfte in Indien kann die Billigmoden-Kette ihren Umsatz um ein Drittel steigern, sagt Beyerhaus voraus. Durch den Deal kommt Shein auch an Stoffe von indischen Unternehmen und will dort ein Produktionszentrum für den Export in den Nahen Osten aufbauen. Shein braucht dringend neue Quellen für seine Materialien: Dem Unternehmen wird vorgeworfen, Baumwolle aus Xinjiang, einem uigurischen Zwangsarbeiter-Gebiet, zu nutzen. Auch deshalb versucht sich Shein von seinem Heimatland zu distanzieren. Der Hauptsitz ist seit etwa einem Jahr nicht mehr Guangzhou, sondern Singapur. Shein will sein Image verbessern, und nachhaltiger werden. Will auch recyceltes Polyester benutzen - und den CO2-Fußabdruck bis 2030 um ein Viertel senken. Immerhin ist die Modeindustrie mit rund zwei Milliarden Tonnen CO2 laut einer Studie für rund vier Prozent der globalen Emissionen verantwortlich. Das ist so viel, wie Frankreich, Deutschland und das Vereinigte Königreich zusammen pro Jahr ausstoßen. Doch das ändert kaum etwas an den riesigen Mengen an Kleidung, die Shein trotzdem weiterhin unter fragwürdigen Arbeitsbedingungen produziert - allein diese Mengen sind schon eine Umweltbelastung. Es könnte eines der größten Debüts des Jahres werden.


Foto: ntv.de



 
 
 

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